Auf Bänken zu verweilen hielt ich bis vor zwei Jahren für Zeitverschwendung und Menschen, die das taten, für langweilig. Heute nehme ich mir mehrmals in der Woche eine Auszeit auf einer Bank. Meine Lehrerinnen waren eine persönliche Krise – und ein überdrehter Hund.
Mir waren Menschen, die auf Bänken sassen, immer suspekt vorgekommen. Insbesondere, wenn sie alleine dasassen. Ausser es waren gebrechliche Menschen, die froh waren, alle paar Hundert Meter eine Verschnaufpause einlegen zu können. Aber abgesehen von dieser Gruppe: Hatten diese Menschen auf den Bänken keine Freizeitbeschäftigungen? Und keine Freund:innen? Wie trostlos musste ein Leben sein, wenn man nichts anderes zu tun hatte, als einfach auf einer Bank zu sitzen und in die Luft zu starren? Niemand, so war ich überzeugt, würde einfach so dasitzen, wenn er oder sie in dieser Zeit stattdessen eine Runde biken, etwas im Haushalt erledigen, mit einem lieben Menschen einen Tee trinken oder ein Buch lesen könnte. War die Bank an einem Wanderweg, bei einer Bushaltestelle oder bei einem Spielplatz platziert, schien es mir nachvollziehbarer, warum jemand darauf sass. Die Bank erfüllte eine Funktion: Man konnte auf ihr eine Pause einlegen, auf den nächsten Bus oder Zug warten (und dabei ins Handy glotzen) oder als Angehörige den Kindern beim Spielen zusehen. Da ich keine Kinder in meinem näheren Umfeld hatte und auch keinen fremden Kindern beim Spielen zuschauen wollte, fiel der letzte Punkt für mich weg. Je nach Energielevel und Verfügbarkeit einer Sitzfläche wartete ich sitzend oder eben stehend auf das Transportmittel.

Und wie stand ich zum Bänklisitzen als Pause? Kritisch. So etwas zog ich erst nach mindestens 1000 Höhenmetern Wanderung in Betracht, wenn ich durstig ein paar Schlucke Wasser trinken, mir einen Proteinriegel reinschieben und ein paar Fotos machen wollte. Für eine solche Pause brauchte ich allerdings keine Bank, ein grosser Stein oder eine kleine Grasfläche taten es ebenso. Es soll Menschen geben, die sich auch bei einem gemütlichen Spaziergang einfach mal auf eine Bank setzen. Beim Spazieren war ich aber bereits kognitiv und körperlich unterfordert, da kam ich sicher nicht auf die Idee, mich noch auf eine Bank zu setzen. Das war für mich schlicht Zeitverschwendung.
Ein überdrehter Hund als Ruhepol
Zum ersten Mal beschäftigte ich mich bewusst mit dem Bänklisitzen vor fünf Jahren bei meinen ersten Spaziergängen mit Mossa, der überdrehten Nachbarhündin. Albin, ein guter Freund und Mossas Herrchen, erzählte mir nebenbei, dass er beim Spazieren mit ihr ab und zu noch eine Weile auf einer Bank sass und chillte. Sie würde sogar den Befehl «Bänkli sitzen» verstehen. Ich konnte mir das kaum vorstellen: Dieser hyperaktive Hund sollte draussen freiwillig irgendwo sitzen bleiben und ruhig sein, wo er doch viel lieber herumrannte und Äste zu Holzschnitzeln verarbeitete? Ich wollte mich selbst davon überzeugen. Beim folgenden Spaziergang allein mit ihr gab es in Sichtweite eine Bank, an der wir schon zigmal vorbeigegangen waren. Ich gab ihr den Befehl «Bänkli sitzen», und siehe da: Sie rannte auf die Bank zu, sprang elegant hoch und wartete dort freudig auf mich. Ich setzte mich neben sie.

Zum allerersten Mal nahm ich bewusst die Aussicht wahr, während ich nichts anderes tat, ausser dazusitzen. Die hügelige Wiese mit ein paar Wildblumen gleich unterhalb von uns, den Wald dahinter und ganz im Hintergrund die Bergkette, die viele Gäste in diese Region lockte. Klar hatte ich das Bergpanorama vorher schon wahrgenommen, aber nie so bewusst wie an diesem Tag. Ich weiss nicht mehr, ob Mossa oder ich zuerst unruhig wurde und weitergehen wollte. Auch wenn ich von diesem Tag an manchmal eine kurze Pause auf einer Bank einlegte, war ich vom Konzept noch nicht ganz überzeugt. Es fühlte sich weiterhin wie Zeitverschwendung an, zu wenig Leistung, Output oder Mehrwert. Ich sah die Welt mit meinen Augen, und in dieser Welt waren Bänke weiterhin für gebrechliche oder langweilige Menschen gedacht. Und dazu wollte ich eindeutig nicht gehören.

Eine neue Sicht auf Bänke
Während einer langwierigen Erschöpfungskrise wurde ich selbst zu einem gebrechlichen Menschen. Da verstand ich zweierlei: Einerseits, dass Bänke Menschen mit eingeschränkter Mobilität das Leben erleichtern und ihren Bewegungsradius erweitern konnten. Andererseits, dass es eine bewusste Entscheidung sein kann, sich eine Weile hinzusetzen und die Umgebung auf sich wirken zu lassen, einfach weil es guttut. Doch dieser neue Blick auf die Welt stellte sich nicht von heute auf morgen ein, und ich kämpfte immer wieder mit inneren Widersprüchen. Wenn ich abends allein für einen Spaziergang an die frische Luft ging, ging es grundsätzlich darum, frische Luft zu schnappen und gleichzeitig etwas Zeit totzuschlagen, zumal ich für andere Dinge keine Kraft mehr hatte. Manchmal reichte sie sogar kaum fürs Spazieren, aber einmal am Tag nach draussen, das musste sein. Nicht selten schleppte ich mich also einfach zur ersten oder maximal zur zweiten Bank von meiner Wohnung aus und setzte mich hin. Ich wusste, es würde mir guttun, zumal ich von Spaziergängen immer etwas ruhiger nach Hause kam. Wenn ich nicht mal mehr dafür die Energie hatte, setzte ich mich auf eine Bank. Dort wollte ich wenigstens telefonieren, Nachrichten beantworten oder präventiv ein potenzielles Problem zerdenken. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich nicht einfach dasitzen und die Aussicht geniessen konnte. Das hätte ja bedeutet, dass ich zu einem dieser langweiligen, hobbylosen Menschen geworden wäre, und genau so wollte ich nie enden.

Nichtstun als Herausforderung
Es war ein holpriger Weg, bis ich Frieden mit diesem neuen Hobby fand und es auch als solches sehen konnte: als etwas, das mir Freude bereitete, mir guttat und das ich aus eigenem Antrieb und einer bewussten Entscheidung heraus tat. Einfach dasitzen und geniessen. Es brauchte eine Umstrukturierung meiner Überzeugungen, was sinnvoll genutzte Zeit bedeutete. Ist es wirklich wahr, dass Nichtstun eine Zeitverschwendung ist? Ist es wahr, dass das bewusste Geniessen des Moments etwas über meinen Wert aussagt? Zudem brauchte es unzählige Wiederholungen der Erfahrung, dass ich mich danach besser fühlte, auch wenn ich zuvor Widerstände in mir spürte. Andere kennen das wohl vom Joggen oder Workout.
Binge-Watching der Realität
Heute spüre ich sehr bewusst das Bedürfnis, morgens einen Moment achtsam auf dem Balkon zu sitzen und abends noch eine Runde rauszugehen. Nicht zum Joggen, nicht einmal für einen langen Spaziergang, sondern zum Bänklisitzen. Und das gerne ohne Podcast oder Musik in den Ohren und ohne Begleitung. Sondern einfach, um eine halbe Stunde auf einer Bank im Grünen zu sitzen. Dabei höre ich den Grillen und Vögeln zu, spüre die Holzlatten unter meinem Gesäss und am Rücken und wie mein Atem und Herzschlag etwas langsamer werden. Ich sauge die Farben der Natur um mich herum ein, stelle fest, dass die Wälder seit letzter Woche etwas herbstlichere Farben angenommen haben, und wie sich der Abendhimmel langsam verfärbt. Ich bin froh, nicht auf einen kleinen Bildschirm zu starren und mein Hirn mit sinnlosem Inhalt oder komplexen Informationen zu füllen, sondern meinen Blick langsam umherschweifen zu lassen und alles bewusst wahrzunehmen. Wer braucht Reality-Shows, wenn wir einfach die Realität bestaunen können? Und das in maximaler Auflösung. Für diese Erfahrung brauchen wir keine 3D- oder VR-Brille, sondern nur unsere Sinne. Ein kleiner Kunstfilm über Parkbänke brachte diese Botschaft für mich passend auf den Punkt. Der Slogan lautete: «Benches – binge watch the world», was ungefähr so viel bedeutet wie «Bänke – der Serienmarathon der Realität».

Manchmal erzähle ich mir oder in Gedanken jemandem, was ich gerade sehe, höre, rieche und spüre, um den Moment noch bewusster wahrzunehmen. Und nicht selten denke ich dabei an Mossa. Dank ihr wurde «Bänkli sitzen» zu meinem geflügelten Wort.