Mein erstes Longboard Rennen – dabei sein ist alles!

Zugegeben, es war eine spontane Entscheidung, mich für das internationale Downhill Skateboard Rennen „Kozakov Challenge“ in Tschechien anzumelden. Und auch eine etwas Gewagte. Schliesslich fahre ich erst seit gut einem Jahr Downhill Longboard. Aber das Abenteuer hat sich mehr als gelohnt.

Annina Brühwiler

Annina an der Kozako Challenge
Was für ein krasses Gefühl: Zum ersten Mal mit der massgeschneiderten Lederkombi den Track runterdüsen.

Die Vorbereitung

„Du weißt, dass du eine Lederkombi brauchst, wenn du an einem IDF (International Downhill Federation) Rennen teilnimmst?“, fragte mich einer meiner Skate-Truppe. Klar wusste ich das, aber wo kriege ich diese in so kurzer Zeit her? Zum Glück brauchte auch er noch einen Anzug und ich konnte bei ihm mitbestellen. Zweieinhalb Wochen später zwängte ich mich zum ersten Mal in meine massgeschneiderte, türkise Lederkombi. Nächste Hürde: Wie komme ich nach Kozakov, zu diesem Hügel hinter Prag irgendwo in der tschechischen Pampa? Kein Problem, per Facebook werden immer wieder Mitfahrgelegenheiten an Skate-Events aufgeschaltet. Und besser hätte ich es nicht treffen können. Ich sass bei Patrick Switzer und Tamara Prader im Auto, beides professionelle Longboarder und alte Hasen in der Szene. Neben Tipps zu Rollen, Race-Strategien und zum Event selbst gaben sie zahlreiche unterhaltsame Episoden von ihren Skate-Trips zum Besten.

Ortsschild Kozakov
In diesem sonst ziemlich abgelegenen tschechischen Kaff messen sich einmal pro Jahr die schnellsten Longboarder der Welt.

Die Strecke

Drei Kilometer Länge, drei Hairpins, einige Sweeper und eine mögliche Maximalgeschwindigkeit von 90km/h – das erwartete mich an der Kozakov Challenge. Mit nur etwas mehr als einem Jahr Longboard-Erfahrung war das etwas (naja, etwas fest) über meinem Level. Entsprechend haben mir einige Freunde von diesem Event abgeraten. Dass ich chancenlos war gegen die anderen 25 Teilnehmerinnen (normalerweise sind an Events maximal zehn Frauen), war von vornherein klar. Aber ums Gewinnen ging es mir gar nicht. Mein Ziel: Gesund und ganz am Ende des Tracks anzukommen, meine Skills zu verbessern und am allerwichtigsten: Spass haben! Spass hatte ich, und wie! Die paar Mal, die ich in den Heuballen gelandet bin, sind vernachlässigbar, und dank der Lederkombi blieb ich unversehrt bis auf ein paar blaue Flecken.

Die Ambulanz musste für ein paar gebrochene Gliedmassen und ausgekugelte Schultern ausrücken. „Das sind Lappalien, das gehört zu einem Rennen“, war Tamaras trockener Kommentar. Der Veranstalter CGSA tat alles, was in seiner Macht stand, um den Track so sicher wie möglich zu machen: Jede Kurve war mit Heuballen ausgepolstert und überall standen Streckenposten, die den Track sofort sperrten, wenn jemand die Heuballen küsste oder Asphalt ass.

Corner und Marshall
Corner 1: Für die Sicherheit der Fahrer ist gesorgt.

Am Ende der Strecke warteten drei Busse aus der Zeit der Tschechoslovakei, die sich mit jeweils 60 verschwitzten Sportlern in der Lederkombi und 30 Grad Aussentemperatur schnell in eine stinkende Sauna verwandelte. Im Schritttempo wurden wir wieder zur Startlinie auf den Hügel gefahren. Dort standen auf der Wiese das Festzelt und die zahlreichen Zelte, Vans und Camper der Skater. Und wenn es das Wetter zuliess, hingen in den Bäumen neben der Startlinie einige Hängematten – so auch meine.

Hängematten an der Startline
Beim Powernappen hörte ich die Rider an mir vorbeisausen.

Das Rennen

Die ersten beiden Tage waren „nur“ Freerides, also Aufwärmphase. Neulinge wie ich konnten die Strecke kennenlernen, Wheels und Achseneinstellungen testen und sich eine Strategie zusammenbasteln, wie in welchem Corner wo geslidet wird. Am dritten Tag waren Qualifikationen, bei denen die Zeit gemessen wurde und jeder alleine die Strecke runterfuhr. Nach den beiden Warm-Up- und den drei Quali-Runs waren wir ziemlich erledigt. Als im Bus jemand lautstark darüber jammerte, wie verschwitzt, müde, hungrig und durstig er sei, musste sein Sitznachbar jedoch relativieren: „Gratuliere, du bist heute ganze zwölf Minuten geskatet.“

Frauen an der Kozakov Challenge
Die Kozakov Challenge lockt überdurchschnittlich viele Frauen an. (Photo: @gohuckyaself)

An den letzten beiden Tagen fanden dann die eigentlichen Rennen statt. Immer in Vierer-Heats pushten die insgesamt 180 Longboarder los, um im „Speedtuck“ (vergleichbar mit der Hocke beim Skifahren) mit 90 km/h in die erste Kurve zu donnern. Ich hielt mich zurück mit pushen, kurvte gemütlich auf den ersten Knick zu und falls es mir zu schnell wurde, machte ich einen Slide. Solide führte ich das Feld von hinten an. Während der Wartezeit im Startbereich fachsimpelten die anderen Teilnehmer über ihre Lines, Slide-Orte und Rollenwahl. Ich versuchte, die Fachbegriffe einzuordnen und Zusammenhänge zu verstehen. Dass Longboard-Rollen eine Wissenschaft für sich sind, merkte ich schnell. Die weltbesten Skater wechselten nach jedem Run ihre Wheels, weil sie nach einem Run (bei den Schnellsten dauerte er 2:19min, bei mir 2:56min) die Glanzschicht und somit den Gripp verloren hatten. Bei meinem Tempo war dieser Aspekt vernachlässigbar.

Startline
Warten an der Startline: Plötzlich war ich Teil einer Szene, die ich bis jetzt nur von Bildern und Videos kannte.

Die Party

Eigentlich müsste es „die Partys“ heissen, denn wer wollte, konnte von Montag bis Samstag täglich im Festzelt feiern. Bei umgerechnet 1.50 Fr. für ein Pilsner war dies auch bei geplanten Low-Budget-Ferien finanziell gut umsetzbar. Da wir doch Sport auf hohem Niveau betrieben, hielt ich mich bis am Freitag mit Feiern zurück. Andere sahen es weniger eng und setzten sich täglich nach ein paar Runs mit einem Bier in die Kurve und sahen dem Rest beim Racen und Crashen zu. In der Luft hing ein ständiger Duft halblegaler, rauchbarer Rauschmittel. Der Anblick der Pupillen einiger Partytieger liess auch auf andere eingenommene Substanzen schliessen. Darauf konnte ich gut verzichten, ich hatte noch genügend Adrenalin im Blut und Stoke im Gesicht. Mit alten und neuen Freunden genoss ich fast täglich den beinahe kitschigen Sonnenuntergang von der Hügelkuppe aus. Besser hätte der erste Skate-Trip nicht sein können.

Fest steht: Ich komme nächstes Jahr wieder ans Kozakov. Dann düse ich den Ladies und Gentlemen um die Ohren. Doch zuerst düse ich einmal quer durch Tschechien, Österreich und Slovenien an die Grenze zu Kroatien. Denn dort findet gleich im Anschluss an die Kozakov Challenge ein weiterer einwöchiger Skate-Event statt. Auf mich warten 18 Hairpins bei bestem Wetter.

Bis der diesjährige Event-Film draussen ist, könnt ihr euch den vom letzten Jahr reinziehen.


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