Vipassana-Meditation: 10 Tage Aufmerksamkeit und Gleichmut

Meditate, eat, sleep, repeat.“ Das ist eigentlich alles, was während zehn Tagen in einem Vipassana-Kurs gemacht wird. Dieser Kurs war eine der härtesten Herausforderungen, denen sich mein Körper und mein Geist jemals gestellt hat. Die Mühe hat sich jedoch gelohnt. Noch nie habe ich mich so lebendig, präsent und glücklich gefühlt.

Zusammen mit etwa 70 anderen Leuten aus der ganzen Welt wagte ich das Abenteuer „Vipassana Meditationskurs“. Das Meditationszentrum befindet sich in den Bergen Bogors in Indonesien, unweit von Jakarta. Die Regeln, die während zehn Tagen galten, sind simpel, wenn auch nicht einfach einzuhalten:

  • Noble Silence“: Keine Kommunikation durch Reden, Gesten, Mimik oder sonstirgendwie (auch kein Lächeln); am besten auch keinen Blickkontakt
  • Nichts schreiben, lesen oder sich körperlich betätigen, ausser Spaziergänge im Garten
  • kein Handy, kein Schmuck, kein Fleisch, kein Alkohol, keine Suchtmittel

Das Programm: Sechs bis acht Stunden Meditation pro Tag, zwischen vier Uhr morgens und neun Uhr abends. Dies mit dem einzigen Ziel, sich völlig auf sich selbst zu konzentrieren und sich geistig sowie körperlich zu reinigen.

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Im Garten konnten wir uns die Beine vertreten und frische Luft schnappen, bevor der Gong die nächste Meditationsstunde ankündigte.

Aller Anfang ist schwer

Am dritten Tag verstand ich, weshalb unsere Wertsachen und Pässe weggesperrt wurden. Gerne wäre ich weggelaufen, um mich nicht meinen inneren Blockaden und körperlichen Anstrengungen stellen zu müssen. Die Minuten fühlten sich wie Stunden an, alle zehn Minuten musste ich die Position wechseln und ich fühlte mich nach jeder Meditation wie mehrere Male von einem Traktor überfahren. Meine Gelenke knackten öfter als in meinem ganzen bisherigen Leben und ich machte dreimal täglich ein Powernap. Schon vor einigen Jahren machte ich die Erfahrung, dass Meditieren und Spitzensport etwa gleich anstrengend sind (siehe Artikel im Brainstorm). Selbst am letzten Meditationstag gab es Meditationen, bei denen mich Schmerzen plagten und die Zeit stillzustehen schien. Da half nur eines: Nur beobachten und Gleichmut bewahren.

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Ähnlich wie bei einer neuen Sportart musste sich der Körper an die Position gewöhnen und neue Muskeln aufbauen. Aber auch nach vielen Trainings-Stunden war es nicht immer eine leichte Übung, 60 Minuten regungslos im Schneidersitz zu sitzen.

Subtile Gehirnwäsche

Ein täglicher Podcast brachte uns wissenschaftliche Hintergründe sowie die religiösen Ursprünge der Meditations-Technik näher. Der „Pfad Dhammas“, der mit der Vipassana-Meditation eingeschlagen wird, ist konfessions- und kulturübergreifend und lehrt grundsätzlich ein friedliches Zusammenleben, wie es auch das Christentum mit seinen zehn Geboten lehrt. Wir lernten viel über den Buddhismus, und teilweise enthielten die Podcasts durchaus missionierende Züge. Damit hatte ich meine Mühe. Denn wenn einem der Buddhismus mit seinen Dogmen, täglichem Meditieren und ständiger Kontrolle seiner Gefühle und Gedanken als einziger Weg zu einem glücklichen Leben, gar zur Erlösung und Erleuchtung angepriesen wird, sind wir nicht mehr weit vom Katholizismus entfernt. Das Konzept „Himmel/Hölle, beten zur Vergebung der Sünden und Erlösung nach dem Tod“ funktioniert ganz ähnlich. An den moralischen Grundsätzen des Buddhismus und des Dhamma-Pfades hatte ich jedoch nichts auszusetzen und die Meditationstechnik an und für sich hatte ich bereits früher kennengelernt, losgelöst von religiöser Verankerung, kennen. Im Kurs ging es am Ende auch immer um die Meditation und darum, die Natur und den Körper mit all seinen Facetten zu erfahren. Und das tat ich.

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Es tat gut, während zwei Wochen komplett offline zu sein.  Keine E-Mails, SMS, Telefonate, Social Media oder News-Platformen;  nur ich, mein Körper und mein Geist.

Geduldsprobe

Die Meditationstechnik ist simpel und sehr effektiv. Im ersten Schritt geht es darum, sich nur auf die Atmung zu konzentrieren und auf das Kribbeln, das der Atem in der Nase und oberhalb der Oberlippe auslöst. Später wird die Aufmerksamkeit auf den ganzen Körper ausgeweitet und wir mussten versuchen, sämtliche Sensationen wie Kitzeln, Jucken, Zwicken, Schauern oder Vibrieren bewusst wahrzunehmen. Nachdem wir unseren Sinn für die Körperwahrnehmung geschärft hatten, konnten wir den „Bodyscan“ anwenden. Dabei wird die Aufmerksamkeit von einer Körperpartie zur nächsten bewegt, vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Nicht immer konnte ich gleich ein Kribbeln feststellen. Vor allem am Anfang hatte ich viele „blinde“ Stellen im Körper, bei denen ich mehrere Minuten verharren musste, bis ich etwas spürte. Zudem wurde die Konzentration immer wieder von unsinnigen Gedanken unterbrochen. Gegen Ende des Kurses wurde mein Kopf zum Glück immer freier.

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Mit so vielen Aufs und Abs hatte ich nicht gerechnet. Die ersten paar Tage waren hart und selbst am letzten Tag gab es noch Tiefs – aber die Hochs waren umso höher.

Alles geht vorbei

Das Wichtigste bei der ganzen Übung: NUR beobachten, sich nichts vorstellen. „Juuuuuust observe“, klang es aus den Lautsprechern. Keine Wertung, kein Verlangen – rein objektives Beobachten. Und gleichmütig sein, das heisst weder Verlangen noch Abneigung für ein Gefühl entwickeln.

Die Erkenntnis: Wenn man die Materie (also seinen Körper) beobachtet, verhält sie sich wie Wellen. Wir erneuern uns ständig. Wir entstehen und vergehen. Entstehen, vergehen. Nichts ist für die Ewigkeit. Das ist ein Naturgesetz. Entstehen, vergehen. So verhält es sich auch mit Gedanken und Emotionen. Mit Schmerzen und Kummer. Aber auch mit Spass und Freude. Entstehen, vergehen. Diese Erkenntnis hilft, Gleichmut im Leben zu bewahren, sich nicht von einem Gefühl auffressen zu lassen, sondern es einfach zu beobachten. Wie es entsteht und vergeht. Aufmerksamkeit und Gleichmut.

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Ich war ja schon vorher ein glücklicher und ausgeglichener Mensch, aber nach dem  Meditationskurs bekam „beinahe platzen vor Freude und Zufriedenheit“ eine neue Bedeutung für mich.

Nicht nur verstehen, sondern erleben

Während des Vipassana-Kurses konnten wir dieses Naturgesetz nicht nur intellektuell verstehen, sondern am eigenen Leib erfahren. Gleichmütig sein. Akzeptieren, dass auch der schönste Moment des Lebens einmal vorbei ist. Entstehen, vergehen. Aufmerksam sein. Im Moment leben. Auch das tat ich. Plötzlich fühlten sich die Meditations-Stunden nur noch wie wenige Minuten an. Ich wechselte während 60 Minuten nicht einmal meine Position. Bei Schmerzen: Nur beobachten. Und die Schmerzen vergingen. Nach der Meditation konnte ich aufstehen, als ob nichts gewesen wäre. Mein Kopf war frei und ich fühlte mich so vital und ausgeglichen wie noch nie in meinem Leben.

So kam es, dass ich am vorletzten Tag im Garten auf der Treppe sass, den Moment genoss und plötzlich zu weinen begann. Vor GLÜCK und ZUFRIEDENHEIT.

Ich war DANKBAR. Für diese grossartige Erfahrung. Für mein Leben.

Ich war voller LIEBE und MITGEFÜHL. Für mich. Für die Welt.

Und ich wünsche es JEDEM, eine ähnlich tiefgreifende Erfahrung zu machen.

Mehr Infos zu Kursen, Standorten und zur Meditations-Technik unter: https://www.dhamma.org/de/index


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