Wandern, Wind und Wellen (Neuseeland Südinsel)

Nach zehn Tagen Roadtrip auf der Nordinsel Neuseelands geht die Reise für drei Wochen auf der Südinsel weiter. Wir schwimmen mit Delfinen, klettern auf Felsen, durch Höhlen und auf Berggipfel. Doch unsere Hinterteile werden nicht nur beim Wandern strapaziert.

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Meine Familie (Mama Elisabeth und die beiden Brüder Stephan und Cornel) und ich haben uns darauf eingestellt, auf der Südinsel grössere Distanzen als auf der Nordinsel zurückzulegen, sowohl zu Fuss als auch im Auto. So sitzen wir locker mal vier Stunden auf unseren Sitzen, um von den Catlins zu den Fjorden zu gelangen. Damit die Zeit schneller vorbeigeht, hören wir Musik, plaudern oder spielen „Black-Stories“, bei denen eine meist makabere Geschiche erraten werden muss. Während wir schon auf normalen Strassen bald nicht mehr wissen, wie wir sitzen sollen, hauen Schotterstrassen oder die vom Erdbeben um Kaikoura (Nov 2016) lädierten Strassen noch einen drauf. Am Ziel angekommen wird meist nur unser Kohldampf gestillt, danach geht es gleich den Hügel hoch. Eine Wanderung folgt auf die nächste, belohnt werden wir mit atemberaubender Aussicht. Beispielsweise bei der Mueller Hut (1800m) im Mount Cook/Aoraki Nationalpark mit Blick auf dessen Namensgeber, den höchsten Berg Neuseelands (3724m), inklusive Gletscher und Gletschersee. Doch davor erklimmen wir 1932 unregelmässige Treppenstufen und ebensoviele Höhenmeter über Geröll und Steine.

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Der Wind und der lange Marsch beim Mount Arthur bringt uns an die körperliche Grenze.

Weniger anstrengend ist der halbstündige Spaziergang auf den Mount Sunday, auf dem im Film „Herr der Ringe“ Rohans Hauptstadt Edoras (siehe Video) steht. Anschliessend übernachten wir, wie so oft, irgendwo in der Pampa in unserem Campervan, der uns insgesamt über 7000 km weit gebracht hat. Als weitere Filmlocation machen wir einen Walk im Kepler Mire, dem Supf mit Seelen und Gesichtern von Toten, durch den Frodo und Sam von Gollum geführt werden. Etwas enttäuschend ist die Aussicht auf den Franz-Josef- und Fox-Gletscher an der Westküste, da sich Wanderer nur bis auf 600 Meter an die Gletscherzunge annähern können und die Landschaft bei weitem nicht so spektakulär ist, wie sie in den Broschüren angepriesen wird. Eine körperliche und mentale Herausforderung ist die Rundwanderung auf dem Hochplateau um den Mount Arthur. Wegen einer verpassten Abzweigung werden aus den geplanten vier plötzlich sieben Stunden Wanderung, wobei uns der Wind mit 70km/h um die Ohren und uns selbst fast vom Grat wegbläst.

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Auf dem Rückweg vom Mound Sunday resp. Edoras (Herr der Ringe), an dessen Fusse wir die Nacht verbracht haben.

Sonnenaufgang mit 360° Panorama

Als wir für den Sunrise-Hike auf den Roy’s Peak bei Wanaka loslaufen, ist es drei Uhr morgens. Der helle Mond beleuchtet den Fussweg, der im Zickzack die rund 1200 Höhenmeter zum Gipfel hochführt. Oben angekommen entdecken wir ein Zelt – ein paar durchgeknallte Leute haben bei Minustemperaturen die Nacht auf dem Gipfel verbracht. Als wir uns lautstark darüber unterhalten, klingt es plötzlich aus dem Zelt: „Do hets jo no meh Schwiizer!“ Schnell kriecht das sichtlich frierende Paar aus dem Zelt und gesellt sich zu uns. In ihren Schlafsack gemummt geniessen die beiden mit uns um 5.49 Uhr den Sonnenaufgang auf 1578 müm. Der Anblick des Bergpanoramas lässt uns zum Glück vergessen, dass die Temperatur immernoch um den Gefrierpunkt herum ist. Es hat keine einzige Wolke am Himmel und der Horizont färbt sich von orange über pink-violett und gelb bis zu seinem knitschigen blau, das sich anschliessend den ganzen Tag am Himmel hält.

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Die Mühe hat sich gelohnt: Der Sonnenaufgang und die Aussicht auf den Lake Wanaka vom Roy’s Peak sind atemberaubend.

Bereits um halb zehn sind wir wieder zurück in Wanaka am See und gönnen uns ein Bier, um auf den perfekten Start in den Tag anzustossen. Auch abgesehen von der perfekten Sonnenaufgang-Wanderung hinterlässt Wanaka bei uns einen guten Eindruck. Wir erküren das Glace aus der Patagonia-Chocolaterie zum besten Glace der Welt und machen auch in Queenstown extra einen zusätzlichen Halt, um nochmals einen Eisbecher zu geniessen. Zudem gelingen mir in der gigantischen Bowl im Skatepark die ersten Turns mit einigermassen Speed. Und das nach zu wenig Schlaf und einer fünfstündigen Wanderung. „Kraft durch Freude“, ist mein Motto an solchen Tagen.

Skaten erwünscht, jedoch nicht überall

Unser Zeitplan ist straff, denn wir haben viel vor in Neuseeland. Da ich mit meiner Familie hier bin, streiche ich Longboarden ziemlich schnell von meiner Liste. Hinzu kommt, dass wir sowieso nicht lange in Städen verweilen (wo es einigermassen eine Longboard-Szene gäbe) und die meisten Strassenbeläge sich nicht zum Skaten eignen. Sie bestehen nämlich aus Kieselsteinen, die in den Teer gewalzt werden. Ich begnüge mich also mit Trockenübungen auf den Moreaki Bouldern in der Nähe von Dunedin.

Zu Beginn denke ich sogar, Neuseeländnder würden das Skaten kategorisch verbieten, so viele Verbotsschilder entdecke ich. Das Roll-Verbot beschränkt sich jedoch auf Parkplätze, Trottoirs und Fussgängerzonen. Ansonsten scheinen die Neuseeländer den Sport sogar zu fördern. Jedes noch so kleine Kaff hat neben öffentlichen Toiletten (gut für uns Wildcampierer) und einem Spielplatz (gut für meine erwachsenen, aber dennoch verspielten Brüder) noch eine Miniramp und ein paar Obstacles für Kickboarder und Skater (gut für mich). Mehrmals verbringen wir die Nacht in einem solchen Kaff und ich bin froh, mein Skateboard dabei zu haben. Als ob meine Beine und mein Hintern nicht schon genügend strapaziert werden, droppe ich unermüdlich in die Miniramp und lasse den Tag so ausklingen. Zu meinem Erstaunen und nicht ganz ohne Stolz kann ich nun sagen, dass ich den Rock to Fakie (ein Trick, bei dem man mit der vorderen Achse über die Kante der Miniramp und wider zurück rollt) kann.

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Ich übe den „Rock to Fakie“, während die Jungs spielen und Mama kocht.

Tierische Freunde und Feinde

Unsere Reise führt uns nicht nur auf Bergspitzen und durch verschlafene Dörfer, sondern auch an die Küste, wo wir Zoo-Erlebnisse in freier Wildbahn haben. Vor allem in den Catlins ganz im Süden sowie an der Ostküste entdecken wir immer wieder Seehunde und -Löwen, die in der Sonne rumliegen. Auch Delfine sehen wir mehrmals. Dank Neopren-Anzug lässt sich das gefühlt zehn Grad kalte Wasser einigermassen aushalten und ich kann sogar mit den Delfinen schwimmen.

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Dieser Pelz-Seelöwe lässt sich weder vom schlechten Wetter noch von Fotografen stören.

Das Landschaftsbild entlang der endlos langen Strassen auf der Südinsel ist geprägt von riesigen Weiden mit Schafherden. Auch zahlreiche Hasen, Wiesel, Marder und Opossums sehen wir in freier Wildbahn, wenn auch meist überfahren am Strassenrand. Diese Tierarten gelten in Neuseeland als Plage, weil sie dem vom Aussterben bedrohten Kiwi das leben schwer machen. Uns hingegen machen die lästigen Sandfliegen und Mücken an der Küste das Leben schwer. Zum Glück ist mein Blut bei den Blutsaugern nicht sehr beliebt und ich bleibe weitgehend von Vampir-Attacken verschont.

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Cornel watet in der Höle Cave Stream nicht nur dem Fluss entlang, sondern klettert auch in Nebenhölen.

Bungee-Jump? Nein danke!

Neuseeland gilt als Mekka für Abenteurer und Adrenalin-Junkies, an unzähligen Orten werden Bungee-Jumps, Helikopter- und Gleitschirmflüge oder Kanu-Touren angeboten. Diese Aktivitäten lassen uns jedoch ziemlich kalt. Einerseits sind die Preise dafür ebenso abenteuerlich wie das Angebot selbst. Andererseits haben wir vieles davon schon in der Schweiz gemacht. Wird uns ein 134m hoher Bungee-Jump als höchster der Welt angepriesen, winken wir mit einem müden lächeln ab. Der Goldeye Jump im Tessin ist 220m hoch und ich bin schon zweimal gesprungen, Mama ebenfalls (ja, das hab ich wohl von ihr geerbt). Die 26m hohen Whangarei-Wasserfälle waren Adrenalin-Kick genug und das Geld sparen wir uns lieber für einen Ausflug auf dem Doubtful Sound oder eine Segeltour in Akaroa auf der Banks Peninsula bei Christchurch, wo wir Delfine und andere Tiere aus nächster Nähe sehen.

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Die meisten, auch ziemlich coolen Aktivitäten sind zum Glück immer noch gratis. Am Arthur’s Pass waten wir flussaufwärts durch die Höhle Cave Stream und toben uns im Boulder-Paradies Castle Hill aus. Stephan und Cornel klettern so oder so auf jeden Felsen und stellen sich wie Simba in „Lion King“ an die Kante. In Dunedin, wo wir auf einem Campingplatz auf unspekakuläre Weise Weihnachten gefeiert haben, erklimmen wir die Baldwin Street, die mit 35% Steigung als steilste Strasse der Welt gilt. Und in Christchurch begeisert uns das kostenlose Canterbury Museum so sehr, dass wir am nächsten Tag gleich nochmals vorbeischauen. In Christchurch verbringen wir dann auch unsere letzten Tage vor der Heimreise (Cornel und Mama) beziehungsweise Weiterreise nach Fiji (Stephan und ich). Nach fünf Wochen auf Achse freue ich mich aufs Nichtstun am Strand – auch wenn ich das wahrscheinlich nicht länger als zwei Tage aushalten werde.

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Stephan erklettert einen Felsen am Strand vom Abel Tasman National Park.

Hier gibt’s die Erlebnisse auf der Nordinsel nachzulesen.

 


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