Ein Volunteer-Einsatz wie Urlaub

Neben dem Unterrichten und dem Vorbereiten der Englisch-Lektionen blieb viel Zeit für anderes. Ich konnte eintauchen in Kultur und Traditionen. Und ich lerne auch, einfach einmal nichts zu tun.

 

Zugegeben, ganz selten habe ich die Entscheidung, nach Seraya zu kommen, doch bereut. Nämlich jedes Mal, wenn wir mit dem Auto weg vom Aufenthaltsort oder wieder zurückfuhren. Nie im Leben habe ich eine Strasse in einem schlechteren Zustand gesehen, wenn man denn bei diesem Schlaglöcher-Schlachtfeld noch von Strasse sprechen kann. Wir wohnten ungefähr zweieinhalb Kilometer vom eigentlichen Dorfzentrum entfernt an der Küste unten direkt am Meer. Klingt idyllisch, war es ein Stück weit auch, aber wir waren halt komplett abgeschnitten von der Zivilisation. Anstatt einem weissen Sandstrand gab es schwarzen Sand und grosse Steine am Fusse einer kleinen Klippe. Das Meer war rauh, deshalb lag, ausser kurz ins Wasser zu springen, nicht viel drin. Wir Volunteers verbrachten die Vormittage und Abende damit, die Lektionen vorzubereiten, Bücher zu lesen, Freunschafts-Armbänder zu knüpfen, gemeinsam einige Workouts für die Bikini-Figur zu machen und zu plaudern. Die anderen Volunteers waren zwischen 18 und 29 Jahren alt und alle aus Europa.

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Volunteer-Einsatz in der Pampa, dafür direkt am Meer.

Wir Mädels verstanden uns prima und einige unternahmen auch manchmal an den Wochenenden etwas gemeinsam. Gezwungenermassen lernte ich, eifach mal nichts zu tun. Oft sass ich einfach auf der Veranda und schaute den Wellen zu. Ich machte auch fast täglich meine „fünf Tibeter“, einige Yoga-ähnliche Übungen, um fit in den Tag zu starten, schliesslich hatte ich ja Zeit. Naja, einige Zeit verbrachte ich auch am Handy, denn Wifi gab es da unten zum Glück. Unterrichtet wurde zudem nur von Montag bis und mit Donnerstag. So hatten wir jeweils ein langes Wochenende und viel Zeit, andere interessante Orte und Leute der Insel kennenzulernen. Ich verbrachte meine Wochenende auf dem Long- und Surfboard.

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Unser Bungalow in Seraya mit dem Sportplatz davor.

Umgebung erkunden…

Damit uns die Decke nicht komplett auf den Kopf fiel, organisierte die Gastfamilie einige Ausflüge. Jeweils am Dienstag Morgen wurden wir zum Virgin Beach, einer Bucht mit weissem Sandstrand gefahren. Anschliessend ging es in ein Einkaufszentrum, in dem wir uns wieder mit Snacks, Schulzeug und anderen nötigen Dingen eindecken konnten. Beliebt waren auch verschiedene Saucen wie Salty and Sweet Soya Sauce, Ketchup und Chili Sauce, um die immer gleich schmeckenden Mittag- und Abendessen etwas aufzupeppen.

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Der Virgin Beach, ein weisser Sandstrand in einer Bucht unweit von Seraya.

An einem Tag mietete ich einen Rollerscooter und besuchte einen nahegelegenen Wassertempel. Ziemlich spektakulär und auch anstrengend war der Ausflug zum Vulkan Mount Batur im Norden der Insel. Nachts um ein Uhr klingelte der Wecker. Vor uns Volunteers lag eine zweistündige Autofahrt zum Vulkan und ein neunzigminütiger Aufstig in der Dunkelheit auf die Bergspitze, um pünktlich um 5.30 Uhr den atemberaubenden Sonnenaufgang über Lombok und dem Vulkan Agung zu bestaunen. Natürlich waren wir nicht die einzigen, die dort hinauf wollten. Auf dem schmalen Pfad auf den Gipfel war eine gigantische Einerkolonne aus Touristen und lokalen Bergführern, alle mit einer Taschenlampe ausgestattet. Von oben herab war das ein ziemlich lustiger Anblick.

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Sonnenaufgang über Lombok und dem Mount Agung morgens um halb 6.
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Wir haben’s und sind geschafft vom Aufstieg und warten bei kalten Temperaturen auf den Sonnenaufgang.

…und Traditionen kennenlernen

Schon am ersten Tag erzählten mir die anderen Volunteers, dass sie an einer Hochzeit und an einer anderen Zeremonie teilnehmen konnten. Da auf Bali ungefähr alle zwei Wochen eine grössere Zeremonie mit Opfergaben stattfindet, kam auch ich in den Genuss eines solchen Spektakels. Die Gastfamilie kleidete uns mit traditionellen Kleidern ein, einer Spitzenbluse und einem Sarong, also einem Tuch, das um die Hüfte gewickelt wird. Mit den Opfergaben (kleine, kunstvoll geflochtene Blätter-Schalen gefülltm it Reis, Blüten, Bonbons und Räucherstäbchen), die tags zuvor vorbereitet wurden, liefen wir zum Tempel auf einem Klippenvorsprung.

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Wir Volunteers tragen traditionelle Kleidung für eine Zeremonie im Tempel.

Dort waren hunderte von festlich gekleideten Balinesen aus der ganzen Umgebung, die Berge von Opfergaben im Tempel ablegten. Schon während dem Gebet und der Segnung spielten die Männer eigenartige Melodien mit ihren Trommeln und gigantischen xylophon-artigen Instrumenten. Später begannen die Frauen dazu zu tanzen, bis sie sich in einem Trance-Zustand befanden. Faszinierend und doch etwas verstörend war der Anblick des Tanzes mit einem Dolch. Hatten sich die Frauen genügend in Trance getanzt, wurde ihnen ein Dolch in die Hand gegeben. Dessen Spitze platzierten sie im Brustbereich und begannen anschliessend, den Dolch wie wild herumzukreisen. Ganz genau konnte mir niemand erklären, wie das funktionierte und wozu das gut sein soll. Anscheinend sollen sich in der Umgebung bereits zwei Personen bei einer solchen Zeremonie tödlich verletzt haben. Folglich führte der Anblick des Tanzes bei mir zu einem kritisch verzogenen Gesicht und mir war etwas mulmig bei der Sache. Blut floss zum Glück keines. Vielleicht lag das an den gut gepolsterten Push-Up-Korsetts, die die Frauen und Mädchen unter ihren Spitzenbusen trugen. Nach Sonnenuntergang gingen wir Volunteers (wir waren die einzigen Westlichen an der Zeremonie) wieder nach Hause. Die Einheimischen setzten die Zeremonie in den nächsten Tagen noch fort. Bis tief in die Nacht hinein hörten wir von unserem Bungalow aus die Klänge der Trommeln und anderen Instrumenten.

 

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Mehr Einblick in meine Volunteer-Tätigkeit gibt es in diesem Blog.

Eindrücklich war auch die Geräuschkulisse, die mich in Seraya durch den Tag begleitete.

 


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