Longboard-Familie aus der ganzen Welt

Wenn aufgeschreckte Hühner gackernd von dir wegrennen und du anschliessend zu viert mit einem Rollerscooter die Strasse hochgefahren wirst, dann bist du am Longboarden in Bali. Mit einer Crew, die schon deine Familie war, bevor du sie kennengelernt hast. So war es wenigstens bei mir der Fall, bei meinem Wochenend-Trip nach Kerobokan im Westen Balis.

Morgens um sieben klingelte der Wecker, vor mir stand ein unvergesslicher Tag Longboarden mit Profis und Anfängern aus verschiedenen Kontinenten. Andry, mein neuer Skate-Buddy aus Kerobokan, und ich fuhren zu Astrid und Henry, zwei Indonesiern, die extra für das Wochenende von Java auf Bali rübergeflogen waren. Sie hatten ein zusätzliches Longboard für mich dabei, da ich „nur“ mein kleines Streetskate nach Bali genommen hatte (mein Longboard passte nicht in den Rucksack). Im Auto ging es Richtung Süden zu einem Spot, der sich unweit des bei den Surfern beliebten Dreamland Beach befand. Dort stiessen Giuliano und Reine dazu, ein Paar aus Brasilien, das mehrere Jahre auf der ganzen Welt Downhill-Rennen gefahren war. Unermüdlich rollten und slideten wir in der prallen Mittagssonne die zwei engen Kurven hinunter und liefen wieder hoch. Mein T-Shirt und meine schwarze Jeans hätte man auswinden können, so fest hatte ich geschwitzt. Aber beim Longboarden gilt „safety first“, weshalb ich nicht mit kurzen Hosen und Tanktop fahre. Zu unangenehm sind verschlagene und aufgeschürfte Schienbeine und Schulterblätter.

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Longboard-Fachsimpeln unter Frauen mit Astried aus Jakarta (links) und Reine aus Brasilien (rechts).
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Corner-Session unweit des Dreamland Beach.

Hindernisse auf der Fahrbahn

Ohne eine Mittagspause einzulegen und nur mit ein paar Snacks im Magen ging es am Nachmittag weiter zu einer wenig befahrenen Wald-Strasse, wo wir auf weitere einheimische Longboarder stiessen. Die knapp einen Kilometer lange Strasse war ideal für mein Niveau. Da sie im Mittelstück und gegen Ende flach auslief, konnte ich ohne Bedenken auch steilere Stücke in der Speed-Tuck (eine stabile Position in der „Hocke“ mit wenig Luftwiderstand) runterballern. Die lokale Skate-Crew positionierte sich jeweils am Anfang und Ende des Tracks, damit uns ja kein Auto oder Roller entgegen kam. Nur auf natürliche beziehungsweise tierische Hindernisse auf der Strasse konnte keinen Einfluss genommen werden. So kam es vor, dass eine grosse Hühnerfamilie gerade die Strasse überqueren wollte und aufgeschreckt davonflatterte, als wir um die Kurve gedüst kamen. Auch streunende Hunde waren ab und zu auf der Fahrban anzutreffen. Anstatt umgehend zur Seite zu gehen, rannten sie zuerst laut bellend in Fahrtrichtung von uns weg. Anwohner, die uns zu Fuss mit einer Ladung Grünzeug auf dem Kopf entgegenkamen, lachten und winkten uns zu.

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Andry und wir Frauen am Ende des Freeride-Tracks.
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Die Abfahrt wird vom Roller aus mit einer GoPro gefilmt.

Let’s take a picture together“

Nach eineinhalb bis zwei Minuten Abfahrt kamen wir unten am Track an, wo die Crew mit ihren Rollern auf uns wartete. Bis zu drei Longboarder konnten gleichzeitig mit einem Roller wieder hochfahren: einer konnte auf dem Rücksitz Platz nehmen und zwei stellten sich auf das Brett und liessen sich hochziehen. Wer weiss, wie Indonesier Roller fahren, kann sich bestimmt vorstellen, dass die Hochfahrt ebenso abenteuerlich und teilweise heikel war wie die Runterfahrt. Zum Glück blieben wir, bis auf ein paar Schürfungen, alle heil und hatten eine Menge Spass. Pausen gab es nur, um Schnappschüsse für Instagram und Facebook zu machen. Unser Dopamin-Rausch liess uns um die Wette grinsen, Schürfungen hin oder her, wir genossen die guten Vibes in dieser wild zusammengewürfelten Longboard-Gruppe an diesem Nachmittag. Irgendwann werden wir uns irgendwo bestimmt wieder treffen, es wurden Einladungen für Unterkunft und Longboard-Sessions in Brasilien, Jakarta und in der Schweiz ausgesprochen. Und vielleicht treffen wir uns auch schon nächstes Wochenende wieder in Kerobokan. Wir können es nämlich alle kaum erwarten, wieder auf dem Brett zu stehen.

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Longboarden verbindet: Wir hatten unglaublich viel Spass an diesem Sonntag Nachmitag im Süden von Bali.
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Schnappschuss während der Wartezeit auf das OK der Crew, dass der Track frei ist.

Vertrauen und ein bisschen Verrücktheit

Dass ich überhaupt mit Locals am Skaten und Longboarden war, könnte man als glückliche Fügung betrachten, die aber auch eine Menge Vertrauen in Unbekannte voraussetzte. Es begann damit, dass ich im Internet nach Longboard-Communnitys und Crews suchte und auf eine Facebook-Gruppe in Lombok stiess. Ich kontaktierte diese und schrieb, dass ich aus der Schweiz komme, gerade noch in Bali war, aber gerne für ein Skate-Weekend nach Lombok rüberkommen würde. Ein Typ antwortete umgehend und gab mir sogleich die Handynummer seines besten Kumpels namens Andry in Bali, der ebenfalls Longboarder war. Ich kontaktierte Andry und ein paar Nachrichten später stand fest, dass ich am kommenden Wochenende nach Kerobokan an Balis Westküste kommen würde, wir zusammen skaten werden und ich bei ihm wohnen kann. So war ich vier Tage später unterwegs zu einem Unbekannten, von dem ich nicht einmal wusste, wie er aussah. Einzig, dass er in einem Skatepark arbeitete und Kids unterrichtete, war mir bekannt. Der Moment, in dem wir uns getroffen haben, war kurz etwas komisch, aber wir verstanden uns auf Anhieb. Es kam mir auch wie die normalste Sache der Welt vor, dass ich auf der anderen Seite seines Doppelbettes schlafen würde. Er hingegen gab mir ohne zu Zögern den Schlüssel für seinen Scooter, damit ich während seiner Arbeitszeit die Umgebung erkunden konnte. Wie schön öfter in meinem Leben wurde ich an diesem Wochenende mit unglaublichen Erlebnissen belohnt, die ich ohne mein Vertrauen in fremde Menschen niemals erlebt hätte.

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Mit Andry im Skatepark Amplitude in Kerobokan.

Viel Boardsport an einem Wochenende

An diesem Wochenende blieb es jedoch nicht nur beim Longboarden. Bereits kurz nach meiner Ankunft am Freitag Mittag setzte ich meinen Helm auf, schnappte mir mein Skateboard und machte meine ersten Roll-Versuche im Pumptrack des „Amplitude-Skateparke“, der überigens von einem Schweizer gebaut wurde. Dank Andrys Tipps hatte ich schon nach kurzer Zeit den Dreh raus und schaffte zwei Runden am Stück. Als weniger anstrengend für die Beine, dafür allgemein viel schwieriger zu lernen, stellte sich das Surfen heraus. Alex, den ich tags zuvor im Skatepark kennengelernt habe, bot mir am Samstag an, mir die Basics des Surfens beizubringen. Obwohl mich zahlreiche Freunde vorgewarnt hatten, dass Surfen mit viel Paddeln verbunden war, wurde die erste Suflektion zu einer Gedulds- und Oberkörper-Ausdauerprobe für mich. Immer wieder spülten Wellen meine ganzen Gesichtshölen durch und mich und mein Surfbrett einige Meter näher zum Strand. Immerhin konnte ich einige Wellen nehmen und einmal schaffte ich es sogar aufzustehen. Dass es nach eineinhalb Stunden Rumgepaddel dunkel wurde (auf Bali um halb sieben), kam mir gerade recht, denn langsam waren meine Geduld und meine Energie aufgebraucht. Es war höchste Zeit für ein Feierabend-Bier im Old Man’s, einer gigantischen Surferbar, in der jeden Abend die Surfer und Möchtegernsurfer (wie ich) gemütlich den Tag ausklingen lassen. Irgendein Gesetz hält jedoch fest, dass die Clubs und Bars in Canggu um Mitternacht die Musik aus- und das Licht anschalten müssen. Immerhin hat man dann noch was vom nächsten Surf-/Skate-/Longboard-Tag.

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Nach ein paar Versuchen und dank einigen Tipps hatte ich den Dreh im Pumptrack schnell raus.
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In der Mitte des Pumptracks befindet sich die tiefste Skate Bowl (2.7m) auf Bali.

PS: Weitere Fotos folgen…


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