Rollerscooter fahren im Linksverkehr von Ubud

 

Nachdem ich beim Volunteer-Briefing am Morgen erfahren hatte, dass wir schon am selben Abend nach Seraya gehen werden, blieb nicht mehr viel Zeit in Ubud. Die Reisfelder von Tengalalan wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Aber wie soll ich bloss dahin kommen? Der Fahrstil der Auto- und Rollerfahrer in Ubud hat mich schon ziemlich eingeschüchtert, noch gestern dachte ich: „Nie im Leben fahre ich hier Roller, ich bin doch nicht lebensmüde.“ Der Wille, die Reisfelder zu sehen, und mein Hang zu Abenteuern und nicht ganz ungefährlichen Freizeitaktivitäten liessen mich meine Meinung schnell ändern. Gemeinsam mit dem Franzosen Pierre, einem anderen Voluntari mietete ich einen Roller. Bei der Vermietung flunkerte ich irgendetwas von wegen „jaja, schon oft Roller gefahren, einfach nicht dieses Modell“, und ob mir die nette Dame noch zeigen könne, wie ich den Roller anlassen muss. Das Problem war, dass ich zwar einen internationalen Fahrausweis hatte, aber noch nie Roller gefahren bin. Pierre hingegen hat Roller-Erfahrung im Feierabend-Verkehr in Paris (was im Vergleich zu den Strassen Ubuds aber harmlos sei), jedoch keinen Führerschein. Nach einer Probe-Runde in einer ruhigen Seitenstrasse fühlte ich mich sicher genug, mich auch mit Mitfahrer hintendrauf unter die crazy Rollerfahrer von Ubud und Umgebung zu mischen. Der Linksverkehr machte uns nur in den ersten paar Minuten etwas zu schaffen. An dieser Stelle ein „Danke für das Vertrauen“ an Pierre, der sich todesmutig bei einer Neu-Roller-Lenkerin hinten auf den Roller setzt.

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Leider liess mich mein sonst sehr gut ausgeprägter Orientierungssinn komplett im Stich und Pierre kannte sich noch weniger aus als ich. Nach einer halben Stunde auf der Hauptstrasse bogen wir in irgendeine Seitenstrasse ein, die gefühlt senkrecht den Wald hinunter führte und für ein europäisches Auto wahrscheinlich zu schmal gewesen wäre. Zwar fanden wir keine Reisfelder, dafür Bananen-Baum-Plantagen so weit das Auge reichte. Das Panorama war eindrücklich. Wie es wohl erst bei den Reisfeldern sein wird? Obwohl unser Hunger nach Postkarten-Aussicht für den Moment gestillt war, war es keine Option, die Suche nach den Reisfeldern aufzugeben. Wir mussten bestimmt über zehn mal anhalten und die Leute nach dem Weg fragen und bei jeder Seitenstrasse oder Kreuzung diskutierten wir auf dem Roller, ob und in welche Richtung wir nun abbiegen mussten. Das ganze auf Französisch, versteht sich. Ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen, meine Französisch-Skills vor dem verstauben zu bewahren.

 

Pierre und ich wechselten uns ab mit Fahren, so konnten wir abwechslungsweise die Aussicht geniessen. Erleichtert erreichten wir am späten Nachmittag endlich die Reisfelder von Tengalalan, die zahlreichen Souvenirshops und Touristen kündigten diese bereits einen Kilometer vorher an. Zugegeben, die Odyssee lohnte sich, auch wenn der Massentourismus hier bereits angekommen war. Man konnte locker über eine Stunde in den Feldern herumspazieren und Fotos knipsen. Meine Augen konnten sich fast nicht satt sehen an den ganzen Terrassen mit Reisfeldern. Wären da nicht die zahlreichen anderen Touristen, die Alibi-Feldarbeiter, die für jedes Foto eine hohle Hand machten, und selbsternannte Parkwächter, die den Besuchern bei jeder Kreuzung einen Wegzoll abluchsen wollten. Naja, wo es Sehenswürdigkeiten gab, sind Touristen und Leute, die von ersteren profitieren wollen, nicht weit. Und Reisfelder waren es nun einmal sehenswert.

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Die Rückfahrt nach Ubud war zum Glück weniger abenteuerlich als die Hinfahrt und wir mussten lediglich einmal nach dem Weg fragen. Pünktlich gaben Pierre und ich den Roller an die Vermieterin zurück – sie war sichtlich erleichtert, dass er unversehrt war. Pierre und ich auch. Mein erstes Abentuer auf zwei Rollen war zu Ende. Und beim nächsten Mal werde ich auch nicht mehr flunkern müssen, wenn ich einen Roller ausleihen möchte. Schliesslich weiss ich nun, wie ich ihn anlassen muss. Und nachdem ich den Linksverkehr in Ubud souverän gemeistert habe, bin ich bereit für weitere Abenteuer auf zwei Rollen.


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