Actionsport ist meine grosse Leidenschaft. Aktuell zu meinem Leidwesen. Viel zu lange habe ich mit zu wenig Energie zu viel gemacht. Jetzt fordert der Körper die längst überfällige Pause ein. Eine zähe und herausfordernde Zeit für mich. Mit fünf wichtigen Erkenntnissen.
Dies ist wohl der persönlichste Blogpost bisher. Denn es geht nicht um einen Van-Trip durch Bären-Nationalparks in Rumänien, einen weiteren Surf-Trip nach Portugal oder Skate-Abenteuer im indonesischen Dschungel. Nein, es geht um eine Reise nach innen. Der Auslöser: eine Erschöpfungsdepression. Diese psychische (zum Glück heilbare) Krankheit liess mir keine andere Wahl, als mehrere Gänge zurückzuschalten und mich mit mir selbst zu befassen. Nicht, dass ich vorher nicht regelmässig Reflexionstagebuch geführt hätte oder mich in Therapien mit meinen eigenen Mustern und Glaubenssätzen auseinandergesetzt hätte – darin war ich ein alter Hase. Aber diese Situation brachte eine zusätzliche Dringlichkeit und Intensität. Denn ich war komplett aus der Balance.
Leben auf der Überholspur – ein Zustand auf Zeit
Im Über-Mich Text auf dieser Webseite schreibe ich folgendes: «Dass ich stets auf Achse, en Route, halt «on tour» bin, wissen alle, die mich auch nur im Entferntesten kennen.» Hier ein Ausflug in die Berge und gleich ein Kick-Off für ein neues Arbeits-Projekt, dort ein weiteres Vereins-Ehrenamt als Social-Media Betreuerin und ein Skate-Workshop für Longboard Girls Crew Switzerland in Zürich. Unterwegs noch schnell Verwandte besuchen, einen Termin reinquetschen oder rasch in ein Café, um den Abschlussbericht fertigzuschreiben und dann direkt nach Zürich an ein Konzert. Die letzten Jahre war ich im Funktions-Modus, getrieben vom Effizienzgedanken, die Zeit möglichst «sinnvoll» auszunutzen. Das war ein grosser Denkfehler: Ich hatte immer nur in der Dimension «Zeit» gedacht, jedoch nie die Komponente der «Energie» berücksichtigt. Warum auch? Bis jetzt hatte ich ja immer alle Pläne unter einen Hut bekommen – und dafür auch Anerkennung. Mein Terminkalender war eng getaktet, liess weder zwischen Meetings und Tasks noch zwischen körperlicher Aktivität und Znacht mit Freund:innen Zeit für Erholung. Das war schliesslich vergeudete Zeit, in der ich besser noch einen Social Media Post raushaue oder Altglas entsorge. Und klar lag es noch drin, am Feierabend eine Bike-Tour zu unternehmen. Stand ja nichts in der Agenda…

Habe ich keine Motivation oder keine Energie?
Ich war immer stolz darauf, mir den nötigen Schubs zu geben, diszipliniert zu sein, mich für eine Aktivität zu motivieren und aufzurappeln, selbst wenn ich keine Lust dazu hatte. Körper sagt nein? Zeichen eines schwachen Geistes. All die Selfmade-Instagram-Coaches überzeugen uns schliesslich tagtäglich davon, dass mit dem nötigen Willen und Commitment wortwörtlich alles möglich ist. Den augenöffnenden Moment, dass der Körper aus einem guten Grund «nein» sagen könnte, hatte ich auf der Yoga-Matte. Gerade hatte ich mich dazu durchgerungen und mir den Schubs weg von der Couch gegeben, um einen Online-Yoga-Flow zu machen; der Titel «No Motivation Flow» erschien mir da genau richtig. Die ersten Sätze meines Online-Coaches brachten mich ins Stutzen. Sie sagte sowas in der Art: «Das wird eine anstrengende Yoga-Session, etwas Aktivierendes tut gut, wenn wir wenig Motivation haben. Aber halte jetzt inne und spür in dich rein. Hast du keine Motivation oder keine Energie? Falls du zu wenig Energie hast, dann stelle dieses Video sofort wieder ab und mache etwas Erholsames, denn dann ist es das, was dein Körper gerade braucht.»
Ich war perplex. Noch nie hatte ich mir diese Frage gestellt. Und mir wurde klar, dass ich mir in der Vergangenheit zu oft einen Schubs gegeben habe, obwohl ich keine Energie hatte. Akku fast leer. Über Monate. Kein Wunder war meine Batterie tiefenentladen und meine Energie reichte seit Wochen «nur» für Spaziergänge oder mal einen Yoga-Flow. Und manchmal eben nicht einmal dafür. Jetzt lernte ich, diesen Unterschied besser zu erspüren und auch die unterschiedlichen Nuancen von Belastung wahrzunehmen und entsprechenden Pausen einzuplanen. Weitere Inputs zu den verschiedenen Arten von «Energie» und entsprechend Erholung (körperliche, geistige, emotionale, soziale, spirituelle, sinnliche und kreative) gibt’s im Beziehungskosmos «Pausen». Absolut hörenswert. Und ich checke nun konsequenter mit mir selbst ein, wenn sich ein:e Freund:in zum Kaffee oder Telefonat mit mir verabreden möchte. Habe ich genügend Energie dafür? Falls nein, kommuniziere ich das auch so.

«Hin zu» vs. «Weg von» – Actionsport als Flucht?
Eine weitere zentrale Erkenntnis hatte ich beim Lesen des Buches «SOLO – Alleinsein als Chance» der Schweizer Schriftstellerin Verena Steiner. Es ist ein Ratgeber mit zahlreichen Denkanstössen, die zum Hinterfragen der eigenen Muster und Überzeugungen einladen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Alleinsein. Kann ja nicht schaden, dachte ich mir, auch wenn solo etwas zu unternehmen nie eine Herausforderung für mich war. Alleine in den Bergen übernachten, mit dem Skateboard durch Peru reisen oder mich an einen Kletterkurs anzumelden? Kinderspiel. Freiheit und Unabhängigkeit gehören zu meinen wichtigsten Werten. Gleichzeitig war mir das Gefühl von Einsamkeit durchaus vertraut und ich neigte dazu, mich in solchen Momenten in WhatsApp-Konversationen zu verzetteln oder auf Instagram totzuscrollen, nur um dieses unangenehme Gefühl zu verdrängen. Bevor mich also das Gefühl der Einsamkeit überrollte, schnappte ich mir ein Sportgerät und lenkte mich damit ab. Lieber alleine etwas unternehmen als zu Hause versauern. Oder sich gar mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.

Doch meine vielen Hobbys und Möglichkeiten direkt vor der Haustüre – Flims/Laax ist ein Disneyland für Outdoor- und Freestyle-Enthusiasten wie mich – stellten mich vor die nächste Herausforderung: Welche Sportart soll es denn sein? Ist das Wetter gut genug für Wandern, Snowboarden, Biken, Skaten oder Slacken draussen? Oder soll ich zur Boulderhalle oder den Indoor-Skatepark fahren? Wo treffe ich vielleicht doch noch ein:e Freund:in an, um gemeinsam Spass zu haben? Geht dann mein Plan noch auf, vor Feierabend einkaufen zu gehen und rechtzeitig an der Geburtstagsfeier zu sein? Selbst wenn ich doch mal einen halben Tag chillen wollte, weil das Bedürfnis nach Pause von meinem Körper in mein Hirn vorgedrungen ist, konnte ich mich nicht erholen. Zu laut ratterte das Gedankenkarussell in meinem Kopf. Und das Einzige, was dieses Rösslispiel dazu bringen konnte, etwas langsamer oder ruhiger seine Runden zu drehen war – surprise – Actionsport. Ich versuchte also Überlastung mit einer neuen Belastung zu kompensieren. Ein Teufelskreis! Zudem war ich überzeugt, dass ich die körperliche Aktivität und den damit verbundenen Reset brauchte, um gut schlafen zu können. Kein Wunder litt mein Schlaf unter der belastenden Gesamtsituation. Nach und nach merkte ich jedoch, dass ich sogar besser schlafen konnte, wenn ich nicht ums Verrecken täglich intensive Bewegung hatte. Nach mehreren Tagen Inaktivität und einfach nur Bücherlesen auf der Couch konnte ich sogar besser schlafen. Weil ich meinen Akku nicht wieder in den tiefroten Bereich brachte, sondern weil er sich endlich langsam aufladen konnte. Wenn ich zukünftig Actionsport mache, dann nicht, um vor mir selbst zu flüchten, sondern weil ich mich bewusst für eine bestimmte Sportart entscheide. Und somit für eine gesunde Balance.

Im Innen gefunden, was im Aussen gesucht
Warum ich Actionsport so liebe, warum er mir so viel gibt? Andere Actionsport-Begeisterte können sicher nachvollziehen, wenn ich sage: Er gibt mir das Gefühl von absoluter Freiheit. Er bringt mich voll in den aktuellen Moment, ich kann alles andere vergessen, es ist Erholung für den Geist und danach spüre ich meinen Körper so richtig. In meinem TEDx-Talk betonte ich, dass Skaten meine Zen-Meditation ist. Gemeinsam bei den meisten Actionsportarten ist, dass die Folgen bei Unkonzentriertheit fatal sein können. Wenn ich mit 80km/h auf eine Kurve zusause, einen Powderhang oberhalb eines Felsband herunterfahre oder über einen wurzligen Trail am Abhang düse, haben Gedanken ans anstehende Abendessen oder ans vergangene Projektmeeting schlicht keinen Platz. «Leben am Limit» war also eine passende Beschreibung für meinen Lebensstil, zumal ich die Herausforderung und den Nervenkitzel bewusst suchte und mit der Zeit auch als Flucht brauchte.
In der Zeit, in der mein Energielevel ständig sank, hatte mir eine gute Bike- und Skitourenfreundin «etwas Kleines» aus den Ferien mitgebracht und mir zwinkernd übergeben. Es war ein Küchenmagnet mit der Aufschrift «Leben am Limit», und dazu eine Grafik eines Akkus mit 1% Ladung. Sie wusste um meine tiefenentladene Batterie und wir witzelten über die Doppeldeutigkeit. Ja, ich war viel zu lange beim Sport noch ans Limit gegangen, obwohl meine Batterie, sowohl mental als auch körperlich, schon völlig am Limit war. Spätestens wenn der Körper in einer Erschöpfung ist und das Energielevel während Wochen knapp für einen Spaziergang oder fürs Einkaufen reicht, spätestens dann muss man sich neue Strategien suchen, wie mit dem Chaos im Innern umzugehen ist.
Die Antwort darauf ist in jedem Selbsthilfebuch nachzulesen: Meditation und Achtsamkeitsübungen. Ich hatte mich als Mensch der Extreme bereits auf eine Extrem-Erfahrung in diesem Bereich eingelassen: 10 Tage Vipassana-Schweigeretreat, 2017 in Indonesien. Es empfiehlt sich natürlich auch als gesunder, ausgeglichener Mensch die Meditations-Praxis in den Alltag einzubauen, und umso mehr, wenn das Leben aus den Fugen zu gleiten droht. Wusste ich natürlich alles, aber ich hatte ja den Actionsport als Ausgleich. Hatte. Jetzt sass ich da, keine Energie für irgendetwas, und täglich 14 Stunden Wachzeit vor mir, die es herumzuschlagen galt. Da konnte ich auch mal das Meditieren versuchen. Also setzte ich mich auf die Yogamatte und machte verschiedene Achtsamkeitsübungen wie Body Scan, Atemzählen oder Visualisierungen, am Anfang oft begleitet von einem YouTube-Video oder einer Meditationsapp. Die ersten paar Wochen waren sehr zäh, insbesondere wenn ich ohne begleitende Stimme dasass. Doch vom Sport wusste ich: Dranbleiben lohnt sich und die wenigsten landen einen Ollie beim ersten Versuch. Ich blieb dran und nach und nach breitete sich ein angenehmes Gefühl der Ruhe und Verbundenheit aus. Mittlerweile fühlen sich 20 Minuten Meditation oder entspannendes Yoga nicht mehr wie eine Tortur, sondern wie Wellness an. Ich bin absolut im Moment, spüre meinen Körper und mein Geist fühlt sich frei an.

Moment mal! War das nicht gerade das, was ich im Actionsport gesucht habe? Und wie «frei» war ich wirklich, wenn ich doch so sehr davon abhängig war? Die Ausgeglichenheit und Ruhe, die ich durch die (fast tägliche) Meditationspraxis erleben darf, lassen mich die Freiheit neu definieren, machen mich unabhängiger. Das dritte Learning war also, dass ich alles in mir drin habe. Ich brauche kein Bike oder Board, um meinen Körper zu spüren und im Augenblick zu sein. Und endlich konnte ich meinem Körper und Geist geben, wonach sie sich so lange gesehnt haben: Ruhe und Stille. Namasté.
Austausch schafft Verbindung
Ich bin überzeugt, dass ganz viele Menschen, die begeistert Freestyle- und Actionsport machen, einen sehr gesunden Umgang mit dem Sport und sich selbst haben. Doch in zahlreichen Gesprächen mit Gleichgesinnten habe ich gemerkt, wie verbreitet diese innere Rastlosigkeit ist (nicht zuletzt auch aufgrund von sozialen Medien und den Erwartungen in unserer Leistungsgesellschaft), und wie heilsam und verbindend es ist, darüber zu sprechen. Es muss ja nicht gleich ein zehntägiges Schweigeretreat sein. Deshalb teile ich hier meine ganz persönliche Erfahrung. Vielleicht regt sie dich zum Nachdenken an. Vielleicht eröffnet der Text ein wertvolles Gesprächsthema mit Freund:innen. Und vielleicht möchtest du dich auch mit mir darüber unterhalten oder hast Inputs und Anregungen. Dann freue ich mich über deine Kontaktaufnahme und den Austausch. Auf Instagram oder per E-Mail.